Triumph der Liebe

von Marivaux in einer neuen Übersetzung von Almuth Voss
Premiere: 31. Dezember 2011, Stadttheater Bern

Eine eigenwilligen Inszenierung (...) schillernde Emotionen (...) Kaschig treibt der Komödie Charme und Eleganz aus – und legt Abgründe frei.

Die verblüffendste – und streitbarste – Produktion (...) in einer geschmeidig-schlanken, stellenweise etwas derben Neuübersetzung von Almuth Voss. (...) Kaschig, der hier bereits denkwürdige Produktionen (darunter «Woyzeck» und «Parzival») verantwortet hat, feiert Marivaux als kühlen Gott des Experiments und zeigt eine abgründige Groteske, in der die Mechanik des Stücks als abstrakte Versuchsanordnung spannungsvoll zum Ausdruck kommt.

Die Bühne von Michael Böhler ist ein klinisch weißer Styroporbunker, der von Neonröhren erhellt wird. Mit der Säge arbeitet sich Léonide mit ihrer Gesellschafterin Corine in die statisch-geschlossene Welt des Philosophen vor und hebt sie mit ihren Avancen aus dem Fugen: Scheinbar unkontrolliert sprießen im Verlauf der Inszenierung immer mehr bizarre Schwellkörperpflanzen aus Wand und Boden.

Kaum weniger wunderlich zeichnet Kaschig die traurigen (Freak-)Figuren, (...) die Schritt für Schritt ihren narzisstischen Kern entblößen.

«Ich liebe und ich habe Angst» (....) klingt wie das Motto dieser Inszenierung, die das gefährlich schillernde der Liebe durchdekliniert und fassbar macht – mit einem überzeugenden Ensemble, bei dem sich Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung, Furcht und Begehren in die Gesichter und die markante Körpersprache einschreibt. Das geht auf Kosten von Charme, Eleganz und Leichtigkeit – und dürfte traditionelle Marivaux-Verehrer etwas vor den Kopf stossen. Am Ende gibt es zwar keinen Theatertriumph – aber auch keinen fahlen «Triumph der Liebe», wie ihn der Komödienschreiber Marivaux vorgesehen hatte.

Oliver Meier, Berner Zeitung

„Vielbeklatschte Silvesterpremeire (...) Da liegen, stehen oder sitzen die Protagonisten, wenn sie nicht gerade zum Einsatz kommen, herum, das Geschehen wie von ferne beobachtend oder in einer bestimmten Pose wie Statuen festgefroren. Zusammen mit den schrägen Kostümen von Stefani Klie und einer Reihe von absurden Riesenpflanzen, die ganz plötzlich aus dem Boden oder aus der Wand hervorbrechen, ergibt das eine grotesk-surreale, vielleicht auch parabelhafte Situation, die durch die ruckartigen und oftmals künstlich anmutenden Bewegungen der Akteure noch verstärkt wird. (...) In Zürich fiel Agis, als die Liebe triumphierte und das Happy End mit Léonide perfekt war, in Ohnmacht, in Bern rennt er verstört durch den Zuschauerraum davon. Jedes Mal aber mündet, von einer anderen Zeit her gesehen, das frivole Spiel mit Gefühlen, Emotionen und Illusionen zuletzt in Ernüchterung und Enttäuschung, so spannend und temperamentvoll Matthias Kaschig und sein bestens disponiertes Berner Ensemble den fulminanten Liebeshandel auch in die eher sterile Bühnenkonstruktion hineingezaubert haben.

Charles Linsmayer, Der Bund


Regie Matthias Kaschig, Bühne Michael Böhler, Kostüme Stefani Klie, Musik Philipp Ludwig Stangl, Dramaturgie Patric Bachmann

Léonide Mona Kloos, Corine Judith Cuénod, Hermocrate Ernst C. Sigrist, Léontine Henriette Cejpek, Agis Andri Schenardi, Dimas Philip Hagmann, Arlequin Diego Valsecchi