Port

von Simon Stephens
Premiere: April 2005, Volkstheater München


Matthias Kaschigs genaue, feinfühlige Inszenierung von "Port".
(...) Dramaturgische Raffinesse kann das autobiografisch gefärbte Stück des 1971 in Stockport geborenen Briten Stephens nicht aufbieten. Aber einen ehrlichen Blick auf eine einfache Tragik und eine behutsame Heldin. Das hat auch schon David Böschs stimmige Inszenierung bewiesen, die im April im Rahmen des Regie-Festivals "Radikal jung" in München zu Gast war. Nun hat Matthias Kaschig "Port" für das Münchner Volkstheater herausgebracht und die Messlatte locker übersprungen.
Er hat noch etwas mehr auf Effekte verzichtet, hat genauer mit dem Text gearbeitet, noch klarere Bezüge hergestellt. Und er hat noch konsequenter freigeschürft, was unter der kargen Handlungsoberfläche verborgen liegt: den Kampf um die Macht und Veränderungskraft der Sprache. (...)
Besonders Stephanie Schadeweg zuzuschauen, ist eine Lust. (...) Immer sagt ihre Körpersprache noch zwei, drei Dinge zusätzlich zum Eigentlichen aus, relativiert es - wie es der Figur der vorsichtig sich ins Leben hineintastenden Racheal entspricht. Konsequent auch, dass sie als einzige die Kostüme - von der Schuluniform bis zum Abendkleid - auf offener Bühne wechselt. Es ist ihre Wandlung, die sich im öden Stockport vollzieht.
Flug- und Straßenlärm als akustische Kulisse deuten bereits am Anfang an, wo dieser Ort liegt: an einem Verkehrsknotenpunkt. Die zurückhaltende Bühne trägt dem mit einem übergroßen Michelinmännchen, einer Straßenlaterne und einem Stück lampengesäumter Flughafenpiste Rechnung. Die Typen, die auf ihr landen oder ins Abseits gleiten, lässt Kaschig mit Tendenz zur traurigen Karikatur und doch ohne Lächerlichkeit spielen. Die desillusionierte Mutter. Den Vater als emotionalen Analphabeten. Den ersten Freund als Schüchtern-Chancenlosen und Verkannten. Und schließlich den Bruder Billy als gewitzten Charmebolzen mit schamhaft verleugneten weichen Seiten - eine Paraderolle für Leopold Hornung.
Wie schon als kleiner Junge kann er auch am Ende nicht aufhören, nervös mit dem Bein zu zucken. Und wenn die große Schwester dann sagt, "es hat sich nichts verändert, oder?", dann meint sie auch die Tatsache, dass er unverändert auch mal wieder nicht auf sie hört. Ein Grund mehr für ihren Sprung in ein neues Leben. Und so ein kleines szenisches Detail, das wie so viele andere das Feingefühl Matthias Kaschigs beweist und dem Zuschauer so schöne Entdeckungen in der Aufführung beschert.

Christine Diller, Münchner Merkur




Regie Matthias Kaschig, Bühne und Kostüm Silke Willrett, Marc Weeger, Musik Tobias Vethake, Dramaturgie Kilian Engels

Rachel Keats Stephanie Schadeweg, Billy Keats Leopold Hornung, Danny Miller Nicholas Reinke Christine Keats, Anne Dickinson Ursula Burkhart Jonathan Keats, Kevin Brake Benjamin Utzerath Lucy Moore Elisabeth Müller Chris Bennett Tobias van Dieken Ronald Abby, Jake Moran Thomas Kylau